Sozialkritisches,  Wertschätzung,  Wissenswertes,  Zum Nachdenken

Die böse, nein herzlose Stiefmutter

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

nahezu jeder Mensch kennt sie aus irgendeinem der zahlreichen Märchen oder leider auch aus der Realität, aber was wenn die „Stiefmutter“ nicht nur böse, sondern hinterhältig, verlogen und zu guter Letzt absolut gnaden– und völlig herzlos ist?

Meine Mutter, so wurde es mir überliefert, ließ sich ein paar Wochen oder Monate nach meiner Geburt von meinem Vater scheiden. Der Grund soll der Wunsch meines Vaters nach weiteren Kindern gewesen sein, den meine Mutter wohl nicht teilte!

Für mich kaum nachvollziehbar, denn 4 Jahre später war meine Mutter wieder verheiratet und ich bekam drei wundervolle Stiefgeschwister.

Während ich nach der Scheidung mehr als wohlbehütet bei meiner Großmutter aufwuchs, hatte ich wohl zu meinem leiblichen Vater noch bis zur erneuten Heirat meiner Mutter geregelten Kontakt.

Leider ist in meiner Erinnerung kaum etwas geblieben, aber es gibt ein Foto, welches ich über alle Maßen liebe:

 

 

Nach vielen schlimmen Erlebnissen in der zweiten Ehe meiner Mutter, kehrte ich mit 15 wieder zu meiner Großmutter zurück und somit auch wieder in die Nähe meines leiblichen Vaters, der seinerseits auch wieder geheiratet hatte und auch aus dieser Ehe habe ich zwei Stiefschwestern.

Es erfolgte eine zaghafte Annäherung an meinen Vater, die jedoch aufgrund der Gebahren seiner neuen Frau, die ja eigentlich gar nicht meine „Stiefmutter“ war, mehr oder mindern heimlich stattfand und sich erst intensivierte als ich mit 18 Führerschein und Auto besaß.

Der Kontakt wurde intensiver, als ich mit 21 selbst heiratete und bei allen Konfirmationen meiner vier Kinder war mein Vater immer da, alles war gut … ja bis ich mich 1998 scheiden ließ.

Mein Vater, streng römisch-katholisch, ich selbst evangelisch getauft, sagte sich von mir los und ich hatte im Jahr 2011, als ich in Koblenz zur Bundesgartenschau fuhr den letzten persönlichen Kontakt.

Es gab ab und an heimliche Telefonate, aber bei rund 90 Prozent meiner Anrufe war seine zweite Frau am Apparat und auf gut deutsch geschrieben, würgte sie die Telefonate mit fadenscheinigen Begründungen ab.

Ich erinnere mich noch bestens an 2011:

die Wohnung meines Vaters ist von der Straße aus nur mit einem „strammen“ Fußmarsch zu erreichen. Ich parkte mein Auto an der Straße, stand dann geraume Zeit nervös rauchend da und überlegte „hin und her“, ob ich es wagen könnte, völlig unangemeldet – bei meinem eigenen Vater! – aufzutauchen und was wohl passieren würde.

Als ich endlich meinen Mut zusammengenommen hatte und los ging – auf dem Weg zur Haustür musste ich erst an 6 Garagen vorbei, dann um die Ecke, hinter den 6 Garagen den Weg wieder hoch und nach weiteren 25 m hätte ich vor der Haustür gestanden – ich war gerade an 6 Garagen vorbei und wollte um die Ecke biegen, als mein „alter Herr“ vor mir stand, der seinerseits auf dem Weg zu seiner Garage war, um einkaufen zu fahren.

Wir hatten ein etwa fünf Minuten dauerndes, sehr gutes, offenes Gespräch und nahmen uns sogar in den Arm!

Dann waren Geräusche zu hören, die auf die „Stiefmutter“ hinwiesen, sodass mein Vater mich bat, mich schnell „unsichtbar“ zu machen, was mir auch gelang.

DAS war mein letzter Kontakt zu meinem leiblichen Vater … 2011!

Tja, und vor ein paar Tagen entdeckte eine meiner Töchter, die einen Familien-Stammbaum gestalten wollte im Netz eine Todesanzeige, die besagt, dass mein Vater im Dezember 2015 verstorben ist!

Ich habe keine Worte, glaubt mir, schwanke zwischen Trauer und Enttäuschung/Wut!!

Ich versuche seit Tagen meine „Stiefmutter“ telefonisch zu erreichen, die Nummer existiert noch, aber es meldet sich immer nur ein Anrufbeantworter und da spreche ich ganz sicher nicht drauf!

Wenn ich eine Behörde oder Versicherung nicht erreiche, hinterlasse ich natürlich eine Nachricht, aber in diesem Fall – ich bin es gewohnt meine „Dinge“ Auge in Auge zu regeln – ein Besuch ist aufgrund 450 km Entfernung und meiner Erkrankung auf „blauen Dunst“ nicht möglich – so möchte ich doch wenigstens die Stimme hören, wenn ich frage:

„Na, was ist das für eine streng gläubige Römisch-Katholische für ein erhabenes Gefühl, mir die Nachricht über den Tot meines Vaters unterschlagen und mir damit die Möglichkeit verwehrt zu haben, mich zu verabschieden!?“

Glaubt mir, ich weiß im Moment nicht, wie mir ist.

Ich habe in der Pflege dutzende Sterbefälle miterlebt und immer die Waschung vorgenommen. Und immer haben die Angehörigen mir eingeräumt, mich noch einmal vor dem Abtransport alleine zu verabschieden. Dann habe ich das Vater-unser gesprochen und konnte loslassen.

Nun, was kann ich in meinem Fall noch tun?

O.K., ich kann das Grab besuchen, aber das empfinde ich als … Notlösung?

Ich wünsche allen Menschen auf dieser Welt, dass Ihr nie auf so herzlose Menschen trefft und das allzeit die Würde des Menschen wirklich unantastbar bleibt, denn ich weiß 100 prozentig, dass mein Vater DAS so weder gewollt, noch dem zugestimmt hätte.

Toi toi toi

Werner

 

Eine Antwort schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.