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Der Engel Hariel und die Harfe

* Liebe Leserinnen, liebe Leser *

Laut der Bibel sind Engel ja ganz besondere Geschöpfe, die über Leib, Seele und Geist verfügen, jedoch der unsichtbaren Welt angehören. Von ihrer Bestimmung her sollen sie Jesus Christus dienen, der sie erschaffen hat.

Der Engel Hariel glaubte ganz fest daran, dass er einen festen Platz im Himmel habe, hätte sich nicht einmal im Ansatz träumen lassen, dass sich daran jemals etwas ändern würde. Seine Aufgabe war es seit einer Ewigkeit zur rechten Zeit Harfe, das Instrument der Engel, zu spielen und seinen leuchtend weißen Anzug in einwandfreiem Zustand zu halten.

Der liebe Gott, den Hariel sehr gerne mochte, weil er allzeit gütig war und sich noch nie beschwert hatte, wenn er mal einen falschen Ton auf seiner Harfe getroffen hatte, hatte einen wundervollen Plan. Er hatte beschlossen, den Menschen ein Zeichen zu geben, dass es ihn noch gäbe.

Es schien Gott wahrhaftig allerhöchste Zeit zu sein, denn die Menschen waren bereits seit geraumer Zeit dabei, immer mehr von dem zu zerstören, was er doch mal unter großen Mühen geschaffen hatte. Wenn er nach unten auf die Erde blickte, wurde es Gott angst und bange.

Gott rief also Hariel zu sich und sprach mit ihm sehr lange über seine Sorgen. Er hatte es schon einmal versucht, den Menschen klarzumachen, damit sie nicht mehr soviel zerstören. Damals gab es da unten schon die gleichen Probleme. Einige wenige waren reich, sehr reich, die große Masse musste regelrecht schuften, um die Familie halbwegs gut ernähren zu können und etliche Menschen waren bitterarm.

Damals hatte er auch einen Boten auf die Erde geschickt, erzählte der liebe Gott. Aber das Vorhaben war binnen kürzester Zeit gescheitert:

Der menschlich gewordene Körper des Boten war ermordet worden und dann hatten die Menschen noch eine abenteuerliche Geschichte aus dem Leben des Boten gemacht.

Diese Geschichte hörten sich die Menschen zwar immer zu Weihnachten an, aber sie hörten überhaupt nicht mehr zu. Die Liebe, die in der Geschichte steckte, kam nicht mehr zur Geltung und die Welt wurde immer kälter und kälter.

Aus diesem Grund hatte sich Gott entschlossen, einen neuen Anlauf zu starten, bevor sich die Menschen vor lauter Unglück irgendwann noch gegenseitig umbringen würden.

Der liebe Gott ordnete daher an: „Hariel, du nimmst  jetzt bitte deine Harfe, ziehst deinen leuchtend weißen Anzug an und dann gehst du runter auf die Erde. Dort suchst du nach einer Person, egal ob männlich oder weiblich, die diese Weihnachtsgeschichte wirklich verstanden und den Ernst, der dahinter steckt, erkannt hat.

Diesen Mensch musst du dann bitten, motivieren und ihm oder ihr soviel Kraft geben, die Weihnachtsgeschichte allen anderen Menschen zu erzählen.

Während dieser Erzählungen musst du dann immer auf deiner himmlischen Harfe spielen, damit sie das Herz der Menschen öffnet. Alles, was in der Weihnachtsgeschichte erzählt wird, gelangt dadurch direkt in das Herz der Menschen und dann ist die Welt ganz sicher gerettet.“

Das hörte sich einfach an und Hariel war begeistert.

Da bis zum Heiligen Abend nicht mehr viel Zeit blieb, machte er sich auch gleich auf den Weg zu den Menschen. Er überlegte, welche Menschen die Weihnachtsgeschichte wohl am dringendsten nötig hätten. Nachdem er einige Zeit sehr skeptisch auf die Erde heruntergeschaut hatte, kam er auf die Menschen, die in den sogenannten zivilisierten Ländern leben, weil er dort die größte Hoffnung hatte auf Verständnis zu stoßen.

Aber es war gar nicht so einfach gerade in diesen Ländern einen Menschen zu finden, der als Erzähler oder Erzählerin infrage kommen würde.

In einer Einkaufsstraße fand Hariel einen Mann mit einem gemütlich aussehenden Bart und einer Zipfelmütze, der Kindern ein Weihnachtsmärchen erzählte. „Das scheint der Richtige zu sein,“ dachte Hariel und schwebte näher heran.

Aber um so näher er kam, um so komischer kam ihm dieser Mensch vor, denn die Kinder hörten ihm ganz offensichtlich gar nicht zu!

Woran lag das nur?

Dann bemerkte er, dass der Mann ja in ein Mikrofon sprach! Die Kinder hörten ja gar nicht seine wirkliche Stimme, sondern nur ein hässliches Gekrächze. Und der Bart von dem Mann war nicht echt, die Mütze schien aus Pappe und als er dann noch in die Gedanken des Mannes schaute, sah er dort nur dessen nächste Gehaltsabrechnung.

Man merkte ganz deutlich, dass ihn die Geschichte, die er erzählte, überhaupt nicht interessierte! Und das, obwohl sie wirklich sehr schön war. Außerdem wurde der Mann auch noch von so hellen Lampen angestrahlt, dass er seine Zuhörer nicht einmal richtig erkennen konnte.

Dieser Mann war es also definitiv nicht.

Hariel schwebte enttäuscht weiter und fragte sich verzweifelt, ob denn wohl alle Menschen so waren.

Einige Zeit später kam er an einer Kirche vorbei, die war zu Ehren Gottes aufgebaut worden, erinnerte er sich. Das musste dann doch wohl eine Stelle sein, wo die Menschen noch von Gott und seiner Liebe wussten.

Ein Geistlicher erzählte gerade die Weihnachtsgeschichte.
Aber was war das? Die wenigen Zuhörer waren ja gar nicht von der Liebe der Geschichte erfüllt!

Denn, wäre das der Fall gewesen, hätten sie sich doch umarmen oder zumindest ab und zu einmal anlächeln müssen! Aber nichts von alledem. Hariel spürte auch ganz deutlich den Grund. Der Pastor glaubte und fühlte selbst nicht, was er erzählte. Er hatte jahrelang studiert, analysiert und wahrscheinlich auch sich selbst häufig hinterfragt. Dabei war von der Wärme, den feinen unberührbaren Zusammenhängen nichts mehr übrig geblieben und deshalb konnte er die Geschichten auch nicht mehr in ihren wahren Bedeutung erzählen.

Stattdessen erzählte er den Menschen von Dinge aus ihrer Welt, einer Welt, die sie kannten, deren Einsamkeit sie kannten und in der sie es einem Geistlichen dann natürlich aufgrund ihrer gemachten Erfahrungen auch nicht mehr glaubten, wenn er von Gemeinschaft und Nächstenliebe sprach.

Ziemlich deprimiert verließ Hariel die Kirche.

Es ging weiter, vorbei an den hektischen Menschen, die Geschenke horteten, vorbei an stinkenden Autos und vorbei an all dem Lärm dieser Welt.

Der Engel Hariel ging immer und immer weiter, bis es endlich, endlich stiller wurde. Die Menschen wurden weniger und es war fast schon still.

Schließlich erreichte er ein kleines Dorf, mit einer eine Kirche direkt hinter dem Ortseingang und in der Ortsmitte ein kleines Haus. In diesem Haus gab ein Zimmer mit einem warmen Ofen. Und dort saß ein Mädchen hinter einem Spinnrad und spann Wolle.

Währenddessen dachte es an die Schafe, die die Wolle für die Menschen hergaben und an die Hirten, die dort draußen in der Kälte auf die Schafe aufpassten. Das Mädchen mochte die Schafe und die Hirten.

Überhaupt mochte es Menschen, ganz besonders die Kinder.

Für Hariel war es wichtig, dass das Mädchen die Weihnachtsgeschichte nicht nur inhaltlich kannte, sondern auch deren wahre Bedeutung. Das Mädchen erzählte sie manchmal kleinen Kindern, auf die sie aufpasste, um ein wenig Geld zu verdienen.

Aber was dem Engel Hariel noch viel, viel wichtiger war, die Weihnachtsgeschichte wurde auch von den kleinen Zuhörern verstanden. Die Kinderaugen fingen an zu leuchten und die Wärme der Geschichte übertrug sich auf sie.

„Endlich,“ dachte Hariel, „habe ich den Menschen gefunden, der die Welt retten kann!“

Hariel holte seine Harfe heraus und fing an zu spielen. Und urplötzlich war die Welt um das Mädchen wie verzaubert. Menschen, die vorher keinerlei Interesse an der Geschichte hatten, kamen plötzlich herbei, baten, die Geschichte zu erzählen und hörten zu. Es war beinahe so, als tauten sie auf. Sie wurden lebendig, verstanden die Geschichte nicht nur, sondern schienen regelrecht von ihr begeistert zu sein.
Die Herzen der Menschen schlugen höher und sie erzählten die Geschichte weiter, denn sie hatten wieder erkannt, wie viel Liebe sich die Menschen untereinander geben können.

Den Menschen wurde auf einmal bewusst, wie grau und kalt die Welt tatsächlich geworden war und dass man daran etwas ändern musste.

Jetzt trafen sie sich wieder überall, um die Weihnachtsgeschichte zu hören. Sie nahmen sich nun einfach die Zeit dazu, Zeit von der sie vorher glaubten sie nie gehabt zu haben.
Der Engel Hariel spielte sich im wahrsten Sinne des Wortes die Finger wund und das Mädchen begann heiser zu werden, aber die beiden waren glücklich.

Hariel war froh, dass der Plan vom lieben Gott tatsächlich aufgegangen war.

Das Einzige, was der Engel Hariel nicht wusste, war, dass der liebe Gott ganz viele weitere Engel auf die Erde geschickt hatte. In beinahe jeder Ecke und überall fanden die Engel Menschen, ein Mädchen, einen Jungen, einen Mann oder eine Frau, welche die Weihnachtsgeschichte auch verstanden.

Und all diese Engel, die der liebe Gott geschickt hatte, halfen den Menschen, die Geschichte weiterzuerzählen und zu verstehen.

Und was ist die Moral von der Geschichte?

So wie es scheint, ist die Welt doch noch nicht ganz verloren.

Toi, toi, toi.

Wie auch immer Ihr Euch fühlt und wo auch immer Ihr seid,

ich wünsche Euch eine gesunde & fröhliche Vorweihnachtszeit.

Euer „alter“ Mann

Werner Michael Heus

 

 

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