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Möchte jemand das Wasser gereicht bekommen?

 

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

am Montag, dem 22. März fand wie seit 2003 jährlich der
Weltwassertag statt.

Ganz bewusst habe ich es in Zeiten von Covid-19 vermieden, Euch auch noch mit Tipps zum Wassersparen, etc. zusätzlich zu belasten.

Ihr habt sicherlich im Laufe der Jahre mitbekommen, dass mich die Bedeutung von Sprichwörtern und Redewendungen nicht nur interessiert, sondern größtenteils auch fasziniert. Aus diesem Grund erzähle ich Euch heute etwas darüber, was es bedeutet das Wasser gereicht zu bekommen.

Im Mittelalter wurde nicht mit Besteck, sondern
mit den bloßen Fingern gegessen.
Und das auch in der besseren Gesellschaft, selbst in Adelskreisen.
Aus Gründen der Hygiene wurde vor und nach dem Essen eine Schale Wasser gereicht, um den Gästen das Waschen ihrer Finger zu ermöglichen.

Dies wurde jedoch nur in vornehmen Häusern so gehandhabt.

In Erzählungen über das Essen in den vornehmem Häusern,
etwa bei Hofe, wird das so genannte „wazzer nemen“ erwähnt.

Den Gästen das Wasser reichen, durfte auch nur ein
ganz bestimmter Untergebener des Hausherrn.

Wer nicht einmal wert genug war, Wasser reichen zu dürfen, dann war dieser Mensch derart weit vom Standard der Gäste entfernt, dass er diesen im wahrsten Sinne des Wortes:
nicht das Wasser reichen kann.“

Der Brauch des Wasserreichens war aber bereits in der Antike bekannt.

Im Alten Testament, 2. Buch der Könige, 3,11, heißt es:

„Ist kein Prophet des Herrn hie, dass wir den Herrn durch ihn ratfragten? Da antwortete einer unter den Knechten des Königs Israels und sprach:

Hie ist Elisa, der Sohn Saphats, der Elia Wasser auf die Hände goss.“

Die Bedeutung dieser Redewendung wurde vor allem auch durch folgendes Zitat aus Goethes „Faust“ bekannt:

„Aber ist eine im ganzen Land,
Die meiner trauten Gretel gleicht,
Die meiner Schwester das Wasser reicht?“

Wenn jemand und dann auch etwa noch mit überheblichem Ton fragt:

„Kann mir hier jemand das Wasser reichen?“

Kann man davon ausgehen, dass dieser Mensch überheblich ist und auf einem verdammt hohen Ross sitzt! Das sind Menschen, die einen anschauen und insgeheim denken:

„Mein Gott, der kann mir im Leben nicht das Wasser reichen!“

Es handelt sich dabei wohl kaum um eine höfliche Aufforderung an den Ober, sondern viel mehr um eine Suche nach Gleichgesinnten, was im Internet schnell durchführbar ist.

Also Menschen, die sich auf der gleichen Stufe wie man selbst befinden, sei es nun sozial, intellektuell oder finanziell.

Schlichtweg eben Menschen, die einem das Wasser reichen können.

Der finnische Wissenschaftsjournalist Ari Turunen hat über das Thema ein Buch geschrieben, in welchem er eine Zeitreise durch die Weltgeschichte macht und aufzeigt, wozu die Arroganz ganz bestimmter Menschen geführt hat und welche Katastrophen derlei Verhalten in der Kulturgeschichte hinterlassen hat.

Ich persönlich mag Überheblichkeit überhaupt nicht und bin mir sicher, dass sie ein absoluter „Killer“ für jedwede zwischenmenschliche Beziehung im Leben ist.

Das sah man selbst im Mittelalter bereits ähnlich.

Auch wenn der Tischdiener oder selbst der Knappe seinem Herrn die Wasserschale reichen konnte, so war er dennoch lange nicht mit ihm auf Augenhöhe!

Er war immer noch Diener seines Herrn, nicht mehr aber auch nicht weniger. Das Wasserreichen war also tatsächlich eine Art Unterscheidungsmerkmal innerhalb der Dienerschaft.

Wer das Wasser reichen konnte, war höher angesehen als derjenige, der es nicht reichen konnte.

Geht bitte einfach nett miteinander um, ergänzt Euch gegenseitig und versucht das ohnehin meist bescheidene Leben so friedlich wie möglich über die Bühne zu bekommen.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen von Herzen gerne eine erfolgreiche Restwoche mit vielen schönen Momenten. Und ich drücke voll doll die Daumen, dass wir alle von dem „ollen“ Virus und den Mutanten verschont bleiben. Toi toi toi

Euer „alter“ Mann

Werner Heus

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